Damenwahl

  • Ich liebe den Song auch sehr und finde, er hat null Abnutzungserscheinungen. Er strahlt so viel Trotz, so viel Fuck-You-Attitüde aus..großartig!Dazu harmonieren Text und Musik wundervoll auf eine melancholisch-wütende Art.War live immer der Gänsehautsong für mich, neben Mehr davon. Deshalb sollte er asuch dringend wieder ins Live-Set aufgeniommen werden, denn auch wenn er bald 60 ist, kann man so einen Song, der ja quasi vertonte DNA und Selbstverständnis der Band ist bzw war,immer bringen.Denn dass man an einem Song erkennt und reflektiert, dass man selber auch nicht mehr der Jüngste, Kompromissloseste und Wildeste ist, ist ja auch eine Qualität des Songs.Allerdings erzeugt er deshalb auch inzwischen etwas mehr Wehmut als Wut bei mir...Im Grunde habe ich mich der Band wohl nie näher und verbundener gefühlt als beim Hören dieses Songs...

  • Könnte daran liegen, dass Campino sich mit (mittlerweile) 55 albern vorkommt, die Textzeile "Ich bin noch keine 60, und ich bin auch nicht nah dran" zu singen. Da sind "Alex", "Wünsch dir was" und "Auswärtsspiel" natürlich deutlich unverfänglicher, die können sie in zehn Jahren noch gefahrlos rüberbringen.

    wenn sie es bis heute immer gespielt hätten, könnte man das annehmen...2004 war er anfang 40. und seitdem wurde es immer seltener, bis garnicht mehr gespielt.


    erst kürzlich habe ich ein interview gehört, da sagte er: "wenn wir ein song spielen, und es nicht mehr so live rüberkommt wie beim ersten oder letzten mal, fliegt er eine zeit vom set".

  • Als ich gestern im Zug unterwegs war, spielte die Random-Funktion meines Handys "Freitag der 13.".
    Ich kenne den Song mittlerweile fast 31 Jahre und bis heute ist er mir nie verleidet... Gestern fuhr er mir extrakrass ein.... Der Song ist überdurchschnittlich gut arrangiert. Man nimmt das zwar kaum so wahr, doch wenn man genau hinhört, erkennt man viele schöne Details. Diese melodischen Harmonie-Gitarren, Harmonien in den Stimmen. Klar, wenn man sich an das The Adicts Stück "Bad boy" erinnert, weiss man auch woher die Hosen die Idee zu "Freitag der 13." hatten - dennoch ist es für mich einer der besten langsamen Songs der Hosen.
    Ich bin der Meinung, dass dieses Lied unbedingt wieder in die Setlist muss! Gerne anstelle von "Alles aus Liebe", das wie der Nachfolger erscheint. Ähnliche (! bevor wieder einer klugscheisst; ähnlich, nicht gleich) Storyline, fast dieselben Akkorde, ähnliches Tempo... Nur eben nach meinem Empfinden etwas schlechter. Oder anstelle einer der x anderen, viel schlechteren Balladen, die uns die Hosen immer wieder kredenzen.


    Aufgrund dessen habe ich mir mal wieder das "Damenwahl" Album rausgekramt... Es scheint Ewigkeiten her, dass ich mir "Damenwahl" in voller Länge gegeben habe und ich habe das wunderbare Album viel zu lange warten lassen.
    In den frühen 90ern gehöre es zu meinen absoluten Liebelingsalben der Hosen, zeitweilen war es sogar mein Fave. Leider verleideten mir ein paar Songs, weswegen ich die Platte nicht mehr häufig auflegte... Das ist lange her und gestern Abend bei 2 Bierchen habe ich mir die Songs mal wieder so geben können, wie sie sich am besten präsentieren: Unverbraucht! War teilweise richtig gespannt, wie mir einzelne Songs einfahren werden - klar kennt man jeden Ton, dennoch errreichen einem Dinge halt nicht immer gleich. Manchmal wird man ausgeknockt, ohne dass man weiss warum - so gestern mit "Freitag der 13." passiert.


    Natürlich ist das Album-Highlight wohl "Wort zum Sonntag"! Und das sicher zurecht.
    Es gab Zeiten in den frühen 90ern, muss wohl um 1991/1992 gewesen sein, da lebten meine Kumpels und ich diesen Text. Eine Antihaltung gegen Autoritäten, gegen Vorschriften, gegen alles. Wir hatten uns, wir brauchten uns und wir waren zusammen glücklich. "..solange ich noch 2 Freunde find.." - das war das Credo! FREUNDE, also Menschen denen man vertraut. Hauptsache was erleben, Hauptsache es läuft was und Hauptsache Abenteuer. Die Hosen waren damals die Grössten für uns. Sie begleiteten uns immer und überall. Ghettoblaster, erste portable CD-Player mit Böxchen - mit unseren peinlichen Mofas waren wir immerhin die "Hombi Töffli-Gang", zur "Opel Gang" hats nicht gereicht! Die Hosen verkörperten damals selber all das. Auch eine Menge Spass, positives Chaos – Abenteuer! Power. Offensive. Vollgas nach vorn!


    Anyway, "Wort zum Sonntag" drückt das aus, was ein rebellischer Teenager als täglich Brot und Lebenselixier braucht! Eine klare Haltung, eine Attitüde - der Song ist melancholisch, der Song ist gleichzeitig zornig. Da ist alles drin. Man hat bewusst gewählt anders zu sein, sich anders zu kleiden und nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen (das „lehrte“ mich schon Jahre davor „Achterbahn“) - in einer Zeit, wo man damit noch Gefahr lief ausgegrenzt zu werden. Aber was kümmerte uns das - wir hatten uns!
    Mir wurden in der Phase meine Freunde wichtiger als meine Familie (natürlich war meine Schwester auch Part der Clique). Das war wohl die Loslösphase von (vor allem) meiner Mutter und es muss für sie sehr hart gewesen sein. Klar war ich schon mit 12 rebellisch und störrisch, doch da konnte sie noch locker mit Zimmer- oder Hausarrest auftrumpfen - als ich 15 wurde und zu arbeiten begann, verlor sie ihre Macht und das merkte sie...
    Sie verlor mich auf eine Weise an meine Schwester, die wie Panzer durch sämtliche Vorgärten rollte und alles niederwalzte was sich ihr in den Weg stellte. Sie brachte mich auf die Beatles um 1986, auf die Ärzte 1987 und auf Heavy Metal und die Hosen. Sie war Grund und Auslöser für alles... Und obwohl sie fast 3 Jahre älter war als ich, nahm sie mich ab frühstem Alter (12) überall hin mit wo sie und ihre älteren Freunden aus dem Gymnasium hingingen. Ich habe sie angebetet und geliebt - nur darum war es möglich, dass sie mich dem Elternhaus entreissen konnte! Es herrschte kein Krieg bei uns zu Hause, sicher nicht - aber gelebte Harmonie sah defintiv anders aus. Mit meinem Vater wechselte ich kein Wort - wenn, dann schrien wir uns an und beledigten uns gegenseitig.
    Heute ist natürlich alles gut und wir verstehen uns alle wunderbar. Ich konnte irgendwann erkennen warum sie so agierten, erkannte ihre Ängste und Sorgen. Sie sahen, dass meins auch nicht ganz verkehrt war, auch wenn sie es damals nicht einordnen konnten.


    "Wort zum Sonntag" - die ganze "Damenwahl" - erinnert mich an diese Zeit: ein bisschen schon 1988/1989, doch hauptsächlich 1990 - 1994. Und der Song steht mit seiner Schönheit, Pracht und auch Vergänglichkeit für all diese Leute von damals. Meine Schwester hat es leider nicht geschafft, ich verlor sie vor 15 Jahren. Auch einige meiner Kumpels bleiben auf der Strecke. Einer erhängte sich bereits 1996 in der Garage. Andere zogen weg - die meisten sind heute gut situierte Familienväter. Doch wenn wir uns treffen, wenn man uns zusammen auf die Menschheit loslässt, ist innerhalb von Sekunden wieder dieselbe Energie spür- und greifbar, dieser Zauber, wie ich ihn in dieser Form später nie mehr erlebte (klar, war ja dann auch kein Teenager mehr und die Dinge verlagerten sich).


    "Damenwahl" hat eigentlich wunderbare Texte - "Grossalarm", "Wort zum Sonntag", "Verflucht, verdammt, gebrandmarkt"... alles gute Punkthemen. "Verschwende deine Zeit" geht in eine ähnliche Richtung.


    Dafür steht bei mir die "Damenwahl" und es ist wunderbar, wenn man durch Musik an Situationen, Gerüche, Gefühle etc erinnert wird und man sie wie nochmal erleben kann, sie tief in sich spüren darf und so nie verliert!

  • Es scheint Ewigkeiten her, dass ich mir "Damenwahl" in voller Länge gegeben habe und ich habe das wunderbare Album viel zu lange warten lassen.
    In den frühen 90ern gehöre es zu meinen absoluten Liebelingsalben der Hosen, zeitweilen war es sogar mein Fave. Leider verleideten mir ein paar Songs, weswegen ich die Platte nicht mehr häufig auflegte... Das ist lange her und gestern Abend bei 2 Bierchen habe ich mir die Songs mal wieder so geben können, wie sie sich am besten präsentieren: Unverbraucht!
    […]
    "Damenwahl" hat eigentlich wunderbare Texte - "Grossalarm", "Wort zum Sonntag", "Verflucht, verdammt, gebrandmarkt"... alles gute Punkthemen. "Verschwende deine Zeit" geht in eine ähnliche Richtung.


    Dafür steht bei mir die "Damenwahl" und es ist wunderbar, wenn man durch Musik an Situationen, Gerüche, Gefühle etc erinnert wird und man sie wie nochmal erleben kann, sie tief in sich spüren darf und so nie verliert!

    Ich bin wirklich erstaunt, dass Du ausgerechnet die "Damenwahl" zu Deinen Lieblingsalben der Hosen zählst. Auf dem Album gibt es so viel, von dem ich gedacht hätte, dass Du an den Hosen nicht magst. Die viel zu glatte Produktion, Campinos sauberer Gesang, ein einfallsloses Cover (Disco in Moskau) und den furchtbaren Karnevalsschlager "Altbierlied" - um nur mal ein paar Sachen zu nennen.


    Ich zitiere mal aus dem so gerne herangezogenem Oehmke Buch: "Den Toten Hosen, das erfuhr ich erst jetzt von ihnen, hat am Ende Damenwahl nicht besonders gut gefallen, sie waren sogar unzufrieden, denn das Album wirkte ihnen zu glatt, zu produziert. Zu sehr wollten sie zeigen, was sie als Band alles draufhatten." (S. 21 unten, 4. Auflage, Dezember 2014, Rowohlt Verlag)


    Und das stimmt auch. Man muss sich nur mal vor Augen halten wann dieses Album erschienen ist. Das war zwischen der genialen "Unter falscher Flagge" und dem extrem dreckigen und hingerotzten "Never Mind The Hosen". DAS waren Welten.


    Und tatsächlich gehört das Album auch nicht zu meinen Favoriten. Es hat zwar einige Klassiker hervorgebracht und ist sicher für die Entwicklung wichtig gewesen, aber für mich ist es das schwächste Album aus der Anfangszeit (1982 - 1991). Meine Highlights sind "Verschwende Deine Zeit", "Wort zum Sonntag", "Spielzeugland" und "Agent X".

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    + + + SUCHLISTE + + +
    ... Helau (Promo CD) ... All For The Sake Of Love (Promo CD) ... Tout pour sauver l’Amour (Promo CD) ... Liebeslied (7‘ Promo Single) … Alles ohne Strom (Promo CD) … sonstige Promo CDs ab 2012

  • Ich habe die Platte schon Ewigkeiten nicht mehr gehört, aber wenn ich mir die Trackliste anschaue sehe ich nur wenige Songs, die mir nicht gefallen (haben) früher, aber teilweise auch gar keine "echten" Songs sind:


    Sojus Nerushimai Republic Swobodnich
    Ehrenmann
    Helmstedt Blues


    Der Rest sind Melodien, mitdenen ich einfach zu viel Zeit verbracht habe udn bei denen ich ohnehin nicht mehr objektiv sein kann. Beim Sound dachte ich früher, dass es so richtig sei, daher ist auch das mir nicht negativ aufgefalen. Rückblickend ist der aber schon wirklich sehr "Prinzen like". :D



    Die von dir angesprochenen Stücke "Disco in Moskau" und "Altbierlied" finde ich grandios - wenngleich letzteres nicht nur in der wiederholten Strophe schneller sein könnte. "Disco in Moskau" würde ich heute live sehr, sehr abfeiern. Vielleicht hat man ja in Polen Glück...

    NEIN :!:

  • Das war zwischen der genialen "Unter falscher Flagge" und dem extrem dreckigen und hingerotzten "Never Mind The Hosen". DAS waren Welten.


    Das waren auch bewusst gewählte Welten - die RR gab es deswegen, weil man mit der Glätte der DW schon kurz nach Veröffentlichung unzufrieden war. Es hiess, dass die Hosen wieder "Hardcore-Punk" spielten, als gewählter Kontrast zur DW ;)! Kurze, schnelle Songs (von denen ich mich noch heute fragen, was damit passiert ist und wo sie abgeblieben sind, nachdem bei den Re-Releases viele Demo-Versionen aus unterschiedlichen Zeiten vorgestellt wurden... Laut der ersten Band-Bio 1996 hat man diese kurzen, schnellen Songs "eingespielt", erwähnt sind sie auch in dem Booklet der Jubi-Version von "Nevermind"... Weiss jetzt nicht auswendig, ob sie auch im Interview zum Re-Releases thematisiert wurden.)
    Die Idee zur RR-Scheibe kam per Zufall, so die Legende, und man spielte sie low budget innerhalb weniger Tage ein - was ok war, weil man die Rosen-Scheibe ja nicht als ein offizielles Toten Hosen-Produkt lancieren wollte, sondern als das ihrer Roadies. Ich denke, die Idee das erste Live Album BzbE 1987 zu veröffentlichen kam auch deswegen auf, weil man die "braven" Songs der DW so etwas rauer vorzeigen konnte.


    ch bin wirklich erstaunt, dass Du ausgerechnet die "Damenwahl" zu Deinen Lieblingsalben der Hosen zählst.


    Schön.


    Beim Sound dachte ich früher, dass es so richtig sei, daher ist auch das mir nicht negativ aufgefalen. Rückblickend ist der aber schon wirklich sehr "Prinzen like". :D


    Exakt so ging es mir auch... 1988/89, im Alter von 12, als ich das Album auf Tape bespielt bekam, machte ich mir keine grossartigen Gedanken über Sound oder Härte. Es waren einfach Hosen-Songs und wie Racker finde ich als Kompositionen den grössten Teil der Songs gut. Besonders eben, wenn ich sie mir lange nicht mehr angehört habe und noch wichtiger, weil sehr sehr viele Erinnerungen damit verknüpft sind (sieh Posting 145), die den Übergang von Kindheit in Jugend und die damit verbundenen Entdeckungen des Lebens aufzeigen. Da ist der Klang/die Produktion schlicht sekundär, wenn man so jung ist.


    "Disco in Moskau" würde ich heute live sehr, sehr abfeiern.


    Absolut!! Als ich die DW kriegte, kannte ich das Original der Vibrators nicht für mich war das sicher 2, 3 Jahre lang ein Hosen-Song. Ich meine, ich kam erst mit der LE1 darauf, dass der Song kein Hosen-Original ist... Dank des Albums hörte ich in unzählige alte Punkalben rein, auch von Bands, die auf LE1 nicht gefeatured wurden (was bei den Vibrators ja zwar nicht der Fall ist, die sind ja drauf).


    Was die Essenz der DW angeht, berufe ich mich auf das was ich in Posting 84 auf Seite 9 sagte ;)!


    ..und wenn man die Scheibe genug laut hört, stört eigentlich auch die Kackproduktion wenig..!

    Einmal editiert, zuletzt von pillermaik ()

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