Der Punk-Philosoph über die Liebe und die Angst

  • aus den Oberösterreichischen Nachrichten vom 20.11.08


    http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/art16,69087:


    Der Punk-Philosoph über die Liebe und die Angst


    „Die Toten Hosen“ haben nach ihrem leisen Unplugged-Projekt ein neues Studioalbum aufgenommen. Unter dem Titel „In aller Stille“ wird die Band wieder laut und präsentiert harte Rocksongs. „Tote Hosen“- Frontmann Campino Im OÖN-Interview .


    OÖN: Der Song „Angst“ endet mit der Zeile: „Bis zu deinem allerletzten Schritt“. Da lässt sich viel hineininterpretieren von Selbstmord bis Amoklauf…


    Campino: Das lasse ich so stehen. Angst wird in dem Moment zum Ballast, wenn sie überproportional vorhanden ist. Natürlich ist sie auch ein Grundgefühl, das uns vor vielen Dingen rettet. Wer keine Angst kennt, kann auch keinen Mut entwickeln. Solch ein Mensch ist zu bedauern und außerdem sehr dumm. Bekommt die Angst mehr Raum, als gesund ist, entsteht eine Totalblockade mit fürchterlichen Konsequenzen.


    OÖN: Hilft Ihnen Ihr Glaube beim Umgang mit Angst?


    Campino: Ich glaube nicht im Sinne von dem, was in den Kirchen serviert wird. Wenn ich sage, ich glaube an das Gute und die Liebe, hört sich das erst einmal relativ platt an. Aber im selben Moment nehme ich auch die Existenz vom Bösen und Negativen in Kauf, und da wird es spannend.


    OÖN: Die Frage, warum Gott Leid zulässt, hat schon Hiob beschäftigt. Auch Sie?


    Campino: Wir Menschen haben die Entscheidungsfreiheit. Ich persönlich entscheide mich für die Leute, die trotzdem kämpfen, auch wenn ihr Kampf chancenlos scheint. Bob Geldof und Karlheinz Böhm gehören dazu, aber es gibt auch noch das Heer der Millionen Helfer. Frontschweine, die in Afrika ohne Narkose Operationen durchführen. Mit einer Werkzeugkiste, die man hier nicht einmal zum Fahrradflicken benutzen würde.


    OÖN: Bei „Leben ist tödlich“ wird die Frage gestellt, was vom Leben am Ende übrig bleibt. Wird die Frage nach dem Lebenssinn für Sie immer wichtiger?


    Campino: Diese Frage muss man sich immer wieder stellen, weil man darauf dauernd neue Antworten findet. Je älter man wird, desto mehr hat man das Gefühl, die Zeit rast davon und nach vorne hin wird es immer enger. Ich versuche, mich mehr im Hier und Jetzt aufzuhalten und aufzuhören, Zukunftspläne zu schmieden. Den Sinn des Lebens aber muss man immer wieder neu finden. Ich bin jetzt seit viereinhalb Jahren Vater. Das hat auch bei diesen Fragen eine Veränderung ausgelöst. Diese Befindlichkeitsscheiße mit mir selbst hat keinen Platz mehr. Mein Sohn will nicht wissen, ob ich gerade auf Tour war oder wie ich gestern mit meiner Fußballmannschaft gespielt habe.


    OÖN: „Teil von mir“ behandelt Gewalt in der Beziehung. Glauben Sie, dass viele Frauen aus Angst vor dem Alleinsein ihren gewalttätigen Partner nicht verlassen können?


    Campino: Manche Paare brauchen anscheinend gegenseitig Gewalt. Ist einmal eine Grenze überschritten, wird es sehr schwer, dagegenzusteuern. Bei der körperlichen Kriegsführung sind die seelischen Grausamkeiten noch gar nicht erfasst. Am Anfang einer Beziehung ist aber immer die Liebe.


    OÖN: Sind Sie in der Liebe eher ein Pessimist?


    Campino: Das würde ich nicht sagen. Mir ist es zu wenig, nur über Friede, Freude, Eierkuchen zu singen. Bei mir ist immer noch ein bisschen was anderes drin. Aber nicht, weil ich das unbedingt so will, sondern weil ich es nicht anders hinkriege. Ich freue mich für jeden, der sein Glück gefunden hat. Aber es gibt auch unzählige Beziehungen, die nur aus Gewohnheit oder Angst zusammenbleiben. Ab einem gewissen Alter traut man sich nicht mehr, alleine loszustapfen. In solch einer Situation würde ich alles über Bord werfen. Ich möchte das Gefühl haben, dass die Frau an meiner Seite auch mein bester Freund ist. Da darf man keine Kompromisse machen.


    OÖN: Haben Sie trotz gescheiterter Beziehungen den Glauben an die Liebe nicht aufgegeben?


    Campino: Warum sollte ich das tun? Ich verstehe die Frauen nicht, aber ich komme auch nicht ohne sie aus. Mit der Zeit steigen die Ansprüche an eine Beziehung. Aber ich weiß auch, dass die besten Momente meines Lebens immer auch mit einer Frau zu tun hatten.


    OÖN: Sie spielen die Hauptrolle im neuen Film von Wim Wenders. Wie bewerten Sie Ihre Erfahrung mit dem Film im Vergleich zum Theater?


    Campino: Beim Film kannst du dich immer korrigieren. Im Theater kannst du entweder mannschaftsdienlich spielen oder auf Egotrip gehen. Aufgrund des Applauses bildet sich eine Hierarchie in der Truppe. Wim hat zum Glück ein eingespieltes Team gesucht, in dem ich mich gut aufgehoben fühlte.


    OÖN: Auch der Rest der Band ist im Film zu sehen…


    Campino: Das war Wim Wenders Idee. Man kann die Bandmitglieder allerdings nicht auf Anhieb erkennen.


    OÖN: Wim Wenders sagte: Campino tut Dinge, die andere Schauspieler nicht tun. Wie extrem waren die Dreharbeiten?


    Campino: Ich musste ein paar harte Szenen erleben. Ich bin ins Hafenbecken von Palermo gesprungen und wurde auf dem Bauch durch die Straßen gezogen. Das war aber gleichzeitig auch ein großer Spaß. Bei den ganzen körperlichen Aktionen wusste ich immer, was ich zu tun habe. Schwieriger war es, nur im Raum zu stehen und zuzuhören: präsent sein, obwohl man nichts zu tun hat und den anderen machen lassen, ohne ihm dabei die Show zu stehlen.
    Info: Die Toten Hosen: „In aller Stille“ – CD-Kritik morgen im OÖN-Freizeitmagazin „Was ist los?“Termine: 12. 12.: Wien (ausverkauft), 13. 5. 2009: Passau; http://www.dietotenhosen.de;Palermo Shooting“: ab Jänner in den österreichischen Kinos„



    hier noch ne bildergalerie:
    http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/art16,69087,C



    wär nett wenn jem den eintrag für das presseachriv macht...bin da net freigeschaltet und zusammenbringen würd ichs vermutlich auch net ;-)


    thx!

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