Latein als 1. Fremdsprache

  • Hallo zusammen,


    unsere Tochter geht wahrscheinlich ab Sommer ins Gymnasium.


    Nun war ich gestern bei einem Elterninfoabend von einem Gymnasium das als erste Fremdsprache Latein anbietet. Latein wäre dann ein Hauptfach und Englisch ein Nebenfach mit drei Stunden in der Woche und wird dann ab der siebten Klasse die zweite Fremdsprache.


    Alternativ mit Englisch als erster Fremdsprache beginne und Latein ab der 7. Klasse als zweite Fremdsprache nehmen, wobei dann das kleine Latinum nicht mehr möglich wäre, weil sie dazu fünf Jahre Latein haben muss.


    Hat jemand von euch damit Erfarung? - Vielleicht auch bei seinen Kindern? - Funktioniert das oder ist Latein ein Fach in dem man sehr viel lernen muss?


    Ich habe in der Richtung überhaupt keine Erfahrung, weil ich nie auf dem Gymnasium war.


    Danke für eure Informationen.

    Narren sind bunt und nicht braun!

  • Ich halte Latein als erste Fremdsprache für ziemlichen Unfug, da sehe ich Englisch als deutlich sinnvoller an, da man damit in wesentlich mehr Situationen konfrontiert wird.


    Als zweite Fremdsprache spricht m.E. nichts gegen Latein und das, was man da dann noch mitbekommt, sollte auch als Grundlage fürs Jura- oder Medizinstudium langen.

    Was das Lernen angeht, hängt das denke ich stark von einer Sprachbegabung ab. Manchen Menschen fallen Fremdsprachen eher zu, manchen eher nicht.

    Es hat sich vieles getan, auf Dosenbier gibt es jetzt Pfand,
    aber die meisten von uns leben noch, das war nicht immer so geplant.
    (Koyaanisqatsi)

  • Englisch als 1. Fremdsprache ist quasi ein "Muss", um heutzutage in Wirtschaft und Gesellschaft mitzuhalten, gerade auch in der IT.

    Als 2. Sprache würde ich Französisch/Spanisch oder Chinesisch/Japanisch empfehlen, da kommt man sehr weit mit.

    Und sogar das Große Latinum lässt sich noch in der Uni nachholen mit Ferienkurs und Intensivkurs. Das gleiche gilt für das Graecum.


    Sollte Eure Tochter aber Archäologie, alte Sprachen oder Ähnliches später studieren wollen, macht Latein als 1. Sprache natürlich mehr Sinn.


    Kleiner Tipp: Guckt Euch die Lehrbücher für die einzelnenen Sprachen doch schon mal in einer Buchhandlung an. Das macht die Entscheidung vllt. noch einfacher.


    Und ja, für Latein muss man sehr viel lernen. Besonders die Grammatik kam mir damals zu den Ohren raus. Und das Übersetzen diverser Kriegshandlungen und philosophischer Traktakte aus einer toten Sprache ist auch nicht ohne.

    "Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!"

    Einmal editiert, zuletzt von Köln ()

  • Köln: Französisch geht an diesem Gymnasium als zweite Fremdsprache als Alternative zu Latein in der 7. Klasse, wobei ich diese Sprache für nicht so wichtig halte.


    Spanisch ist dann als dritte Fremdsprache möglich.


    Chinesich oder Japanisch wird gar nicht angeboten. ich glaube aber auch nicht das ein Gymnasium schon soweit ist.

    Narren sind bunt und nicht braun!

  • Ich habe noch Russisch und Italienisch geschludert. Bin jetzt erstmal von den Sprachen ausgegangen, die weltweit am meisten gesprochen werden oder im Beruf benötigt werden könnten.


    Ob du selbst lieber Latein magst, sollte ja nicht ausschlaggebend sein. Was interessiert deine Tochter und was möchte sie mal werden? Das grenzt die benötigten Sprachkenntnisse dann ein. Eine Groß-/Außenhandelskauffrau (gibts das Berufsbild noch?) braucht doch eher Französisch als Latein, als Beispiel.


    Wünsche ein glückliches Händchen beim Entscheiden.

    "Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!"

  • Also ich schließe mich dem allgemeinen Konsens an: Latein als 1. Fremdsprache ist Unfug.


    Jede Wissenschaft, jedes weiterführende Fach wird Englisch voraussetzen (nicht nachholen oder als Fach anbieten: Es wird vorausgesetzt. Kein Dozent an der Uni wird nachfragen, ob jemand das Paper nicht versteht.). In meinem Unternehmen wird Englisch kommuniziert. Da wird gar nicht nach gefragt. Egal, was es mal studieren wird, auch Medizin oder Archäologie: Internationale Publikationen werden nicht in Latein, sondern auf Englisch verfasst. Ein sicheres Englisch ist heutzutage für Jobs, aber auch sonst, ein Muss. Nachrichten lesen, Freundeskreise - gerade in Zeiten von Internet -, alles wird internationaler. Bzgl. Freunde: Allein hier auf den internationalen Hosentouren (z.B. Polen oder Argentinien) habe ich Bekannte und Freunde gefunden. Das wäre ohne Englisch niemals möglich gewesen.


    Als jemand, der sich sehr schwer mit Fremdsprachen tut und tat: Je früher man mit einer solchen anfängt, umso leichter wird es. Und mit Englisch sollte man anfangen, um eben diese internationale Sprache zu sprechen. Alles andere ist Bonus. Mit Englisch kommt man in jedem Berufsumfeld weiter, mit Latein doch eher sehr eingeschränkt.


    Die Frage ist sowieso: Warum braucht man ein Latinum? Niemand spricht es, es ist sozusagen nutzloses Wissen. Man kann es auch nicht in einem Gespräch trainieren, also vergisst man es auch wieder. Man belegt also Kapazitäten des Kindes, ohne auch nur einen Hauch Nutzen zu haben. Das empfinde ich nicht als zielführend. Das Kind wird in den nächsten Jahren mit so viel unterschiedlichem Stoff (Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften, Mathematik, Sprachen, ...) bombardiert, dann lasst es wenigstens etwas machen, was es später noch benötigt - auch ohne nutzloses Zeug wird es anstrengend genug.


    Mal davon abgesehen, dass es in einem Alter ist, wo es mit Sicherheit noch keinen wirklich festen Berufswunsch hat (bzw. sich dieser in den nächsten Jahren noch einige Male ändern und der Realität anpassen wird), selbst wenn es Medizin oder Jura studieren will: Ich habe gerade mal geguckt: Weder für Medizin, noch für Jura ist ein Latinum heutzutage erforderlich.


    Wenn es sich herausstellt, dass das Kind sprachbegabt ist, und es später in diese Richtung will, dann wird es für das Kind auch kein Problem sein, diese Sprache dann auch zu erlernen. Ich kenne Dolmetscher und Historiker. Diese Menschen schaffen sich die 5. und 6. Sprache quasi im Vorbeigehen drauf. Das ist eben deren Hobby und Veranlagung. Ebenso, wie ein IT-ler sich die 10. Programmiersprache aneignet, wenn notwendig oder der Fleischer die Anatomie des nächsten Wildtieres. Das wird dann aber im Studium oder der Ausbildung noch rechtzeitig kommen.


    Meine Meinung ist (ich wiederhole mich): Nutzt die Kapazitäten des Kindes für etwas, dass es mit höherer Wahrscheinlichkeit noch benötigt (Englisch: 100% sicher, bei was auch immer der zukünftige Lebensweg sein wird, ob nun Beruf oder Reisen oder sonstwas). Danach empfehle ich eine Sprache, die auch weiter verbreitet ist. Spanisch oder Russisch, wenn möglich. Wenn nur Französisch angeboten wird (wenn ich das richtig verstanden habe), dann das (auch wenn ich es gehasst habe damals). Immer noch besser als gar keinen Nutzen zu haben ;) Selbst ein heutiger Arzt kann mit Sicherheit mit seinem Latinum nix mehr im Beruf anfangen. Außer dass er manche Wortstämme von Fachbegriffen vielleicht irgendwie einordnen kann. Aber das lernt man dann im Studium noch früh genug. Und bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

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    Narf.

    Einmal editiert, zuletzt von S-Man ()

  • Bei uns gabs den Zweig Französich (1.)/Englisch (2.) und Latein (1.)/weißnichtmehrwas (2.) (ich nehme an Französisch) und da sowohl meine Eltern, als auch ich damals keinen Sinn in Latein sahen (habs bis heute auch nicht gebraucht), hab ich den ersten Zweig gemacht.
    Ich weiß aber nicht, wie es inzwischen ist oder welche Möglichkeiten es heute auf diesem Gymnasium gibt, da ich aber im Saarland zur Schule ging, blieb/bleibt man leider nicht von Französisch (als erster Fremdsprache) verschont. Aber wenigstens ist es eine Sprache, die heute noch aktiv geredet wird, im Gegensatz zu Latein.
    Da das einzige, was ich aber von Französisch behalten habe ist, dass ich Französisch in der Schule hatte und da Englisch halt leider später erst dran kam, kann ich von Franz. so gut wie nix mehr und bei Englisch merke ich auch deutliche Defizite (ich komme zwar durch, aber halt nicht fließend).

    Ich finde Latein zwar ziemlich interessant, es ist mMn aber schon sehr speziell. Wenn ihr aber eh nur die beiden Möglichkeiten Englisch/Latein oder Latein/Englisch habt, würde ich Englisch als 1. Fremdsprache vorziehen und sehe es ansonsten so wie HB und köln:
    "Als zweite Fremdsprache spricht m.E. nichts gegen Latein und das, was man da dann noch mitbekommt, sollte auch als Grundlage fürs Jura- oder Medizinstudium langen." bzw. "Und sogar das Große Latinum lässt sich noch in der Uni nachholen mit Ferienkurs und Intensivkurs. Das gleiche gilt für das Graecum."

    Wer keine Angst vorm Teufel hat, braucht auch keinen Gott!


    Nr. 5 lebt - wir sehen uns wo die eisernen Kreuze stehen...

  • Ich habe ja nach 9 Jahren Latein inkl. Leistungskurs und Facharbeit schon ein Faible für Latein. Latein ist insofern nützlich, als dass viele moderne Sprachen darauf aufbauen und man sich viele Fremdwörter davon herleiten kann (die Millionenfrage bei Jauch hätte ich dadurch schon ein oder zweimal lösen können - und wer traut mir jetzt zu, dass ich bis zur Millionenfrage gekommen wäre?).


    Aber man muss fairerweise sagen, dass diese Faktoren nur "Goodies" sind. Ich habe Englisch nach 4 Jahren abgewählt. So gern ich Latein auch mochte und immer noch mag, es wäre für mich sicherlich sinnvoller gewesen als 1. Fremdsprache Englisch zu haben. Bei uns gab es damals keine Wahlmöglichkeit, also hat sich die Frage halt nicht gestellt.


    Man muss zu Latein sagen, dass ein lateinischer Satz nicht mit einem englischen Satz verglichen werden kann. Ein englisches Buch kann man mit ein bisschen Können und Wissen runterlesen und weiß danach grob den Inhalt. Ein lateinischer Satz gleicht eher einem Rätsel, für dessen Lösung man auch mal echt lange Zeit brauchen kann. Wenn ich an den Gallischen Krieg denke, da waren schon Sätze drin, für die mal eine ganze Unterrichtsstunde drauf gegangen sind (dafür kann ich aber noch die ersten 10 Zeilen auch dem Bello Gallico auf Lateinisch auswendig). Ob jetzt Englisch oder Latein deswegen schwerer ist mag ich nicht zu beurteilen, man sollte aber einfach im Hinterkopf haben, dass die Herangehensweise eine völlig andere ist.

  • Vielen Dank für eure ganzen Meinungen.


    Wir sind inzwischen an dem Punkt angekommen, dass wir Englisch als erste Fremdsprache nehmen werden. Als zweite Fremdsprache steht dann Latein oder Französich zur Wahl, was es dann werden wird sehen wir in etwas mehr als zwei Jahren.


    Ich möchte unserer Tochter eine möglichst große Wahl an Studiengängen geben, wenn es mit dem Abitur klappt. Ich traue es ihr defintiv zu, aber man weiß ja nie was in den nächsten Jahren alles passiert.


    Der realistische Berufswunsch wird meiner Meinung nach frühestens in der 8. Klasse erfolgen, alles andere ist bis dahin Wunschdenken und das dürfen die Kinder auch gerne haben.


    Ich habe früher auch gesagt das ich Bäcker werden möchte und habe dann eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht.

    Narren sind bunt und nicht braun!

  • Wow, was ein Latein-Bashing. Da bringe ich gerne eine Gegenposition ins Spiel. Ich habe Latein ab der 5. Klasse gehabt (Englisch ab der 7., Französisch ab der 9. und im Studium noch Spanisch) und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Die Sprache hat mit unglaublich gut geholfen andere (v.a romanische) Sprachen zu lernen und ein grundsätzliches Verständnis für diese aufzubauen. Latein hat auch in starkem Maße meine Allgemeinbildung gefördert. Damit meine ich nicht nur De bello Gallico. Denn in Latein gibt es so viel mehr. Auch für das Verständnis anderer Fächer, v.a Geistes- und Sozialwissenschaften, teilw. aber auch Naturwissenschaften, hat es geholfen. Die Sprache im Studium nachzuholen, wie manche hier erwähnen, ist kein leichtes Unterfangen. Ich kenne ein paar, die das versucht oder soghar gemacht haben und die haben ziemlich geflucht und sind bei weitem nicht in die Vorteile der schulischen Lateinvermittlung gekommen. Denn bei Crashkursen lernt man nicht die dahinterstehenden Denkstrukturen. Vor allem für geisteswissenschaften ist Latein elementar. Wer behauptet, dass man, wenn man Latein ab der 5. Klasse hat, später keiner wissenschaftlichen Texte lesen kann, hat wohl noch nie wissenschaftliche Texte in Fremdsprachen gelesen. Wissenschaftsenglisch ist etwas ganz anderes als das, was man in der Schule lernt. Für meine Promotion habe ich auch englische Texte lesen können, obwohl ich Englisch erst ab der 7. Klasse hatte.


    Sicherlich ist Englisch insgesamt wichtiger, aber man sollte Latein nicht unterschätzen. Leider weiß man nicht, in welche Richtung dein Kind mal gehen wird, sodass man jetzt eine einfache Entscheidung treffen könnte. Mit Latein als erster Fremdsprache bei gleichzeitigem Beginn englisch zu lernen, macht man meines Erachtens nichts falsch. Spätestens in der Oerstufe ist man in der Regel auf dem gleichen Niveau wie diejenigen, die Englisch ab der 5. hatten.

  • Hallo, ich kann da auch mal meinen Senf zugeben:

    Unsere Tochter hat sich bewusst für Latein als zweite Fremdsprache entschieden weil sie eigentlich gar kein Bock auf diesen ganzen Sprachenkram hat ;-) und es ein großer Pluspunkt für sie war, das im Unterricht üblicherweise Deutsch geredet wird ( was ja bei Englisch/Französisch/Spanisch) nicht so ist.

    Desweiteren findet sie Geschichte ganz spannend, und das ist ja auch Thema in Latein, wenn auch "nur" die ganz alte Geschichte (Römer).

    Das ist jetzt zwei Jahre her,sie ist zufrieden, Englisch findet sie doof, Latein macht ihr Spaß. Sie würde wieder so entscheiden.

  • Guten Morgen und danke für alle eure Meinungen.


    Wir haben uns entschieden, dass unsere Tochter nicht Latein als erste Fremdsprache nehmen wird. Dies ist keine Entscheidung gegen Latein, sondern liegt daran, dass unsere Tochter mit einem Sohn von Bekannten von uns telefoniert hat der Latein an dieser Schule lernt und der klar gesagt hat, wenn du jetzt schon weißt, dass du Latein für deinen späteren Beruf brauchst, dann mach es, aber wenn du es nur wählst um an der Schule angenommen zu werden, dann ist das keine gute Idee. Natürlich kann es gut gehen, allerdings ist es auch oft genug schon schief gelaufen. Außerdem muss man in der siebten Klasse sehr viel in Englisch nachholen.


    Also werden wir diese Schule voraussichtlich als erste Wahl angeben und dann schauen, ob sie angenommen wird oder nicht.

    Narren sind bunt und nicht braun!

  • Ich habe ja nach 9 Jahren Latein inkl. Leistungskurs und Facharbeit schon ein Faible für Latein.

    Das macht Dich nun wirklich sehr spooky! :D



    Ich hatte Latein ab der 7. Klasse, habe mein Latinum mit 4- und beiden Augen zu drücken Dank meines Klausurnachbarn erworben.


    Es ist mal nett, sich das ein oder andere herleiten zu können, aber bei Bandwurmsätzen über 10 Zeilen und Wörtern, die man sich ohne die Grammatik auch nicht mehr aus dem Wörterbuch herleiten kann, kriege ich noch heute das Kotzen. :D



    Und wenn wir schon so schön im Spartenwissen sind:

    Scortia ecfututa comictuta heißt was bzw. müsste wie geändert werden?

    NEIN :!:

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