Ballast der Republik

  • [Fortsetzung 2...]


    Weiter geht's mit "Reiß Dich los", einem Plädoyer nicht still zu stehen, sondern hungrig aufs Leben zu bleiben und aus der lähmenden Routine auszubrechen. Ein vielleicht etwas unterschätzter Song. Nicht ganz klar an wen genau er gerichtet ist. Musikalisch eingängig, an einigen Stellen unbequem und doch nicht ganz vollendet. Geht leider etwas unter auf dem Album.

    Das anschließende "Drei Worte" ist dann wieder etwas kraftvoller und unbequemer, auch wenn das akustische Intro zunächst etwas anderes antäuscht. Wenn man hier mal den Refrain völlig ausblendet, dann könnte der Text von Campinos Schreibblockade handeln. Vielleicht hat er das auch unterbewusst verarbeitet. Die Auflösung im Refrain macht dann aber klar worum es geht. Musikalisch und textlich wenig versöhnlich.

    Mit "Schade, wie kann das pasieren" schließt sich wieder ein eingängiger Song an. Als leicht verdauliche Nummer im Stile eines Sauflieds. Gut zum mitgrölen. Bei mehrmaligen Hören nutzt es sich aber ab und nervt ziemlich schnell. Gehört zu den schwächeren Momenten.

    Der Kontrast zum folgenden "Draußen vor der Tür" könnte nicht größer sein. Die Verarbeitung einer ambivalenten Vater-Sohn-Beziehung, die im kürzlich erschienen Buch "Hope Street" noch mal thematisiert wurde. Das Stück erzeugt seine emotionale Kraft durch das minimale musikalische Arrangement mit akustischer Gitarre und Cello und dem intensiven Gesang. Eines der ausdruckstärksten Stücke auf dem Album.


    [Fortsetzung 3 folgt...]


    "Das Kennzeichen des unreifen Menschen ist, dass er für eine Sache nobel sterben will, während der reife Mensch bescheiden für eine Sache leben möchte" Wilhelm Stekel

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  • [Fortsetzung 3...]


    "Das ist der Moment" Alles ist im Fluss. Alles ist brillant. Man hat eine gute Zeit. Keine Pointe. So hört es sich also an, wenn ein Vater und Musiker aus seinem glücklichen und erfolgreichen Alltag erzählt. Man hört zum ersten Mal deutlich den Einfluss von Marteria im Text. "Linkin spielen im Park und wir am Ring" ist ein typisches Wortspiel aus dessen Repertoire. Musikalisch unspektakulär und sehr gefällig. Allerdings habe ich den Song einmal zu oft auf Konzerten gehört. Und so wurde aus "Radio an, wie immer nur Schrott" irgendwie eine selbsterfüllende Prophezeiung.

    Offensichtlich stark von den Red Hot Chili Peppers inspiriert, lädt "Ein guter Tag zum Fliegen" danach ein, mit jemanden abzuheben und durch die Wolken zu schießen. Vielleicht eine von Drogen beeinflusste Illusion. Tragisch und nicht ungefährlich. Denn man weiß, dass man nicht wirklich fliegen kann und hart auf den Boden aufschlagen würde, wenn man vom größten Haus der Stadt springt. Am Ende kehrt man aber doch wieder sanft zurück auf den Boden. Musikalisch eher ein Hosen untypischer Sound und deswegen vielleicht etwas unterbewertet.

    Das folgende "Oberhausen" erzählt von der toxischen Liebe einer Frau zu einem Narzissten. Die Beziehung ist gescheitert. Er hat sie schwer verletzt. Andererseits ist er auch immer wieder sehr charmant Im Grunde spielt er aber nur noch mit ihren Gefühlen. Und gerade die Tatsache, dass es nicht klappt, scheint die Zuneigung der Frau noch zu verstärken. Ein klassisches Beziehungsdrama. Musikalisch eine recht eingängige Melodie, die ein paar schwermütige Zwischentöne hat. In Bridge und Refrain mit den Hosen typischen Hintergrundchören. Gelungen, aber nicht herausragend.

    Auch in "Alles hat seinen Grund" geht es um eine unglückliche Beziehung. Die Stimmung ist düster. Das Arrangement ist sehr ungewöhnlich. Die Gitarrentöne tropfen vor sich hin, der Gesang trägt den melancholischen Text vor und wird im Refrain von Streichern untermalt. Zwischendurch ein kurzes Gitarrensolo. Das einzige was nicht so richtig passt ist das das Schlagzeug. Das hätte am Ende gereicht, wenn der Refrain in den Kanon übergeht und alles noch mal anschwillt. Trotzdem ein interessanter Song.

    Zum Abschluss dann noch mal ein echter Höhepunkt. "Vogelfrei", die großartige, wahnsinnige Party im Himmel nach dem Tod. Ein ordentlicher Kracher, der alle Sorgen abschüttelt, mitreißt und ausgelassen ein Fest feiert. Man wird noch mal richtig gepackt und durchgeschüttelt, bis der Song am Ende in das Thema vom Intro "Drei Kreuze (dass wir hier sind) übergeht. Die Farben bleichen langsam aus. Der Song verschwindet schleichend in der Dämmerung. Hundegebell. Es schließt sich der Kreis.


    "Das Kennzeichen des unreifen Menschen ist, dass er für eine Sache nobel sterben will, während der reife Mensch bescheiden für eine Sache leben möchte" Wilhelm Stekel

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  • Abschließend noch die Bewertungen der Songs:


    01. Drei Kreuze (dass wir hier sind) 10/10

    02. Ballast der Republik 8/10

    03. Tage wie diese 8/10

    04. Traurig einen Sommer lang 6/10

    05. Altes Fieber 6/10

    06. Zwei Drittel Liebe 7/10

    07. Europa 9/10

    08. Reiß dich los 6/10

    09. Drei Worte 6/10

    10. Schade, wie kann das passieren 4/10

    11. Draußen vor der Tür 9/10

    12. Das ist der Moment 4/10

    13. Ein guter Tag zum Fliegen 7/10

    14. Oberhausen 5/10

    15. Alles hat seinen Grund 7/10

    16. Vogelfrei 9/10


    Und hier noch meine "Ballast der Republik" Best-Of Playlist inkl. Songs aus dem Bonus Album "Die Geister die wir riefen" und den Single B-Seiten:


    01. Drei Kreuze (dass wir hier sind)

    02. Ballast der Republik

    03. Keine Macht für niemand

    04. Altes Fieber

    05. Auf Reise

    06. Im Nebel

    07. Europa

    08. Computerstaat

    09. Davon stürzt die Welt nicht ein

    10. Zwei Drittel Liebe

    11. Alles hat seinen Grund

    12. Draußen vor der Tür

    13. Halt mich

    14. Reiß dich los

    15. Lasset uns singen

    16. Tage wie diese

    17. Vogelfrei


    "Das Kennzeichen des unreifen Menschen ist, dass er für eine Sache nobel sterben will, während der reife Mensch bescheiden für eine Sache leben möchte" Wilhelm Stekel

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  • 11. Mai 2022


    Heute vor zehn Jahren: „Ballast der Republik“ und die erste Single aus der Scheibe „Tage wie diese“ gleichzeitig auf Platz 1 der Album- und Singlecharts … Zur Feier des Tages haben wir dann doch mal einen Sekt aufgemacht. Hosen Hell gab's ja noch nicht.

    Anlässlich des zehnjährigen Erscheinens von „Ballast der Republik“ haben wir das gute Stück auch wieder neu als Vinyl aufgelegt, zu bekommen hier » www.dietotenhosen.lnk.to/Ballast2022


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  • Noch mal ein kleiner Nachtrag zu den beiden am stärksten kritisierten Stücken auf dem Album


    "Das ist der Moment" ist der beste Beweis dafür, dass Musik niemals harmlos sein sollte. Der Song ist total fehl am Platz, da er in der Art des Vortrags emotional nicht überzeugend ist. Er wirkt eher wie eine nüchterne, sachliche Betrachtung der alltäglichen Dinge. Sohn zur Schule bringen und seine alltägliche Arbeit verrichten. Songs schreiben und Konzerte spielen sind in diesem Fall nämlich nichts anderes als der (fast) tägliche Job eines Musikers. Und all das wirkt in dem Song nicht emotional aufgeladen. Es beweist darüber hinaus auch die Theorie, dass ein Künstler um so besser ist, je mehr er in einer emotionalen Ausnahmesituation ist. Geht es dem Künstler gut und er schreibt darüber wie in "Das ist der Moment" klingt der Song banal und langweilig.


    Und ich finde bezüglich der Emotionalität unterscheidet sich "Das ist der Moment" von "Tage wie diese". Zwar ist "Tage wie diese" auch nicht sarkastisch gemeint und besitzt keine Pointe, aber er wirkt emotional aufgeladen und die im Song beschriebenen Gefühle sind spürbar. Der Song steckt voll von Sehnsüchten. Und da ist eben auch die unterschwellige Melancholie, dass die beschriebenen positiven Emotionen nicht dauerhaft sind. Und das führt dazu, dass ich den Song immer noch gerne höre. Auch wenn das, was teilweise aus ihm gemacht wurde, natürlich nicht mehr viel mit den Hosen zu tun hatte. Aber kein Künstler kann bestimmen, was ein Publikum aus seinen Bildern macht.


    "Das Kennzeichen des unreifen Menschen ist, dass er für eine Sache nobel sterben will, während der reife Mensch bescheiden für eine Sache leben möchte" Wilhelm Stekel

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  • "Das ist der Moment" ist der beste Beweis dafür, dass Musik niemals harmlos sein sollte. Der Song ist total fehl am Platz, da er in der Art des Vortrags emotional nicht überzeugend ist.

    Stimme absolut zu, allerdings ist die stromlose Version da tatsächlich ein Stück besser.
    Text bleibt banal, aber musikalisch reißt es dann zumindest ein bisschen mit.

    Es hat sich vieles getan, auf Dosenbier gibt es jetzt Pfand,
    aber die meisten von uns leben noch, das war nicht immer so geplant.
    (Koyaanisqatsi)

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